Ich finde keine Fachkräfte im Einkauf!

Von meinen Kunden höre ich sehr oft, dass sie keine Fachkräfte für den Einkauf finden. Gerade in den ersten Gesprächen, die ich mit Führungskräften habe, kommt häufig die Frage auf, was ein Einkäufer überhaupt alles kennen und können muss. Eine weitverbreitete Sorge ist zudem, dass der Einkauf nicht bereit für die Zukunft und es unglaublich schwer ist, gute Leute zu finden. Meiner Meinung nach liegt eine weitere Herausforderung auch darin, gute Einkäuferinnen und Einkäufer zu halten.

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Gute Einkäufer fallen nicht einfach vom Himmel oder werden von heute auf morgen geboren, sondern durchlaufen einen Entwicklungsprozess. Das zeigt sich umso mehr in dem Wandel, den wir durchleben und bei der Vielzahl der Aufgaben, die ein Einkäufer heute hat. Wenn Unternehmen sich dann Leute von der Uni oder der Fachhochschule holen oder Mitarbeiter aus anderen Abteilungen fit für den Einkauf machen wollen, erlebe ich oft, wie Theorie und Realität aufeinandertreffen.

Der Praxis-Schock

Wenn top ausgebildete Menschen zum Beispiel mit einem BWL-Studium oder vergleichbarer Qualifikation als Fachkräfte in den Einkauf kommen, dann erleben sie meiner Erfahrung nach erstmal einen Praxis-Schock. Sie wollen selbstständig arbeiten, die Zukunft gestalten und Lösungen finden – doch schauen wir uns den Status Quo in vielen Einkaufsabteilungen an, dann wird schnell klar, dass es ganz anders ist. Die „Neuen“ kommen in ein Großraumbüro oder eine Coworking Area, in denen die anderen Einkäufer vor ihren beiden Bildschirmen sitzen. Mit etwas Glück wird ihnen noch erlaubt, auch mal im Homeoffice zu arbeiten, obwohl viele Vorgesetzte den Einkäufern ein selbstständiges und professionelles Arbeiten von zu Hause aus noch immer nicht zutrauen. Und schnell finden sich die Fachkräfte dabei wieder, die Hälfte der Arbeitszeit Daten in ein EAP-System einzugeben. Die restliche Zeit verbringen sie damit, E-Mails zu beantworten, die oftmals auch sehr konfliktgeladen sind. Zwischendurch finden Besprechungen und Online-Meetings statt, die für den Einkäufer in vielen Unternehmen nicht besonders einfach ablaufen. Denn wenn irgendetwas schief geht, dann ist in der Regel der Einkäufer schuld. Ich kann gut verstehen, dass sich eine junge, dynamische Fachkraft nach ein paar Wochen fragt: „Will ich das überhaupt alles mitmachen? Das habe ich mir in der Praxis anders vorgestellt.“

Unternehmen müssen für den Einkauf ein Zukunftsbild zeichnen

Gerade der Einkauf befindet sich einem extremen Wandel und es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, hier zu gestalten. Um die jungen Fachkräfte für den Einkauf zu motivieren, müssen Unternehmen ein Zukunftsbild aufzeigen und auch die entsprechenden Schritte dorthin. Der Einkauf muss weg von den stupiden operativ administrativen Tätigkeiten hin zu Aufgaben, die sich eine junge Fachkraft mit entsprechender Bildung gut vorstellen kann. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass der Blick ins eigene Unternehmen nicht schadet: Gibt es dort gute Industriekaufleute, die gefördert werden können? Zum Beispiel mit einer Zusatzausbildung zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Einkauf und Logistik? Mitarbeiter, die sich in der Praxis schon bewährt haben und auch das Unternehmen gut kennen, können eine echte Bereicherung für den Einkauf darstellen.

Einkäufer wollen über den Bildschirmrand hinaus arbeiten

Egal ob die Mitarbeiter im Einkauf nun von extern kommen oder aus den eigenen Reihen, so ist es wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, in Projektteams an der Produktentwicklung teilzunehmen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als junge Einkäuferin bei Opel auch über den Tellerrand blicken konnte. Die Entwicklungsingenieure zeigten mir zum Beispiel ein Fahrzeug, das in vier Jahren am Markt sein wird. Ich war sofort Feuer und Flamme für die Produktentwicklung und fand das super spannend. Der Bezug zur Produktentwicklung ist besonders dann von Vorteil, wenn mit Lieferanten über die Einzelteile oder elektronischen Systeme gesprochen wird, die für dieses Endprodukt eingekauft werden. Das sind doch auch genau die Aufgaben, die wir in Zukunft von unseren Einkäufern brauchen. Wir brauchen Menschen, die in der Lage sind, in einem crossfunktionalen Team zusammenzuarbeiten und die Entwicklung mit voranzubringen.

Die Einkäufer sollten jetzt nach der Pandemie die Option haben, auch wieder selbst zu den Lieferanten zu fahren, damit sie sich vor Ort ein Bild Produktion machen und mit den Leuten sprechen. So zeigt sich, was draußen am Markt wirklich los ist. Wie machen es denn die anderen? Wie macht es der Lieferant? Welche Ideen und Lösungen hat er? Das trägt der Einkäufer wiederum ins eigene Unternehmen zurück. Die Lieferanten werden so zu strategischen Partnern. Wir brauchen Einkäufer, die in der Lage sind, das Unternehmen durch die momentan unruhigen Zeiten zu führen – Zahlen, Daten, Faken sind dabei selbstverständlich auch im Kopf, ebenso wie das Führen von Verhandlungen auf Augenhöhe, um die Kosten gering zu halten. Aber es geht auch darum, Alternativen und Lösungen für das Unternehmen zu finden, die einen Benefit bringen.

Jetzt sind Führungskräfte gefragt

Führungskräfte sollten den Blick ausweiten, wenn es darum geht, gute Fachkräfte finden. Gut ausgebildete Leute gibt es sowohl extern als auch intern. Geht es darum, die Mitarbeitenden im Einkauf zu halten, dann müssen Führungskräfte verstehen und akzeptieren, dass die neue Generation der Einkäuferinnen und Einkäufer, die jetzt in die Unternehmen kommt, oder die jungen Leute, die aufgebaut werden, mehr wollen, als Daten in ein System einzugeben. Sie wollen größere Herausforderungen und haben auch einen hohen Anspruch an sich selbst und ihre Arbeit. Wer Möglichkeiten bietet, die Zukunft des Einkaufs und damit auch des Unternehmens mitzugestalten, hält den Praxis-Schock so gering wie möglich. Und wir wollen doch alle gute Einkäufer finden und halten, oder?


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